Zwischen Schwäbisch Hall und St. Petersburg

Erst im obersten Turmzimmer stieß ich neulich bei einem Besuch des Hällisch-Fränkischen Museums in Schwäbisch Hall auf eine ganze Reihe von Daktyliotheken und Münzabdrucksammlungen, die dort in Wandkästen ausgestellt sind. Die Sammlung stammt aus dem Besitz des Fürsten Friedrich Karl zu Hohenlohe-Waldenburg (1814-1884), der als Siegelkundler berühmt zu sein scheint. Der Begriff Sphragistik für diese Passion war mir so wenig bekannt wie anderen die ‚Daktyliothek‚. Ausgestellt sind Kästen aus der Sammung Cades, sowie Porträtsammlungen nach Gemmen, Münzen und Medaillen. Eine Serie könnte die Abdrücke von Medaillen Hedlingers umfassen, von denen ich andere Exemplare in Lübeck (St. Annen-Museum) und Dresden (Staatsbibliothek) kenne.

Erst jetzt habe ich einen Beitrag von Elena Dmitrieva im Journal of the History of Collections, vol. 25, no. 1, 2013, pp. 77-85 gelesen. Unter dem Titel On the formation of the collection of gem impressions in the State Hermitage Museum beschreibt sie kurz die Geschichte der Daktyliotheken in St. Petersburg. Zarin Katharina II war ja nicht nur gemmenverrückt, wie sie einmal an Ihren Kunstberater Melchior Grimm schrieb, und erwarb deshalb eine äußerst bedeutenden Sammlung originaler Steine, sie ließ auch eine Vielzahl von Kopien ankaufen, um sozusagen über alle Gemmen, seien Sie antik oder neuzeitlich verfügen zu können. Am wichtigsten war natürlich die große Tassie-Sammlung, die wohl weitgehend auf die Stoschische Adrucksammlung (nicht die die Originale!) zurückgriff. In vier Lieferungen ab 1783 wuchs die Zahl der Abdrücke auf über 15.000, die jeweils als farbige Glaskopie sowie in ‚white enamel‘, also opaque, vorlagen. Abdrücke eigener Gemmen wurden ebenfalls angefertigt und verschickt.

Die Daktyliotheken dienten auch als Vorlagen für russische Gemmenschneider in Jekaterinenburg im Ural. In die Akademie kam 1795 eine Sammlung von Abdrücke aus dem Besitz von deren Präsidenten Ivan Betskoy. Sie diente wie in Mitteleuropa den Künstlern als Bildquelle. Über das weitere Schicksal dieser Sammlungen und ihre eigenartige Verteilung in die verschiedenen Abteilung der Ermitage lese man den Aufsatz von Frau Dmitrieva selbst. Zu Tassie werden verschiedene Beiträge von D. Graepler sowie natürlich das opus magnum von Julia Kagan, Gem engraving in Britain from Antiquity to the present. With a catalogue of the British engraved gems in The State Hermitage Museum (BAR British Series 514) (Oxford 2010), 135-135-158 und plate 26-30 zitiert.

Auch in St. Petersburg muss es einen deutschen Lippert gegeben haben, vielleicht in der Akademie der Künste. Etienne Falconet, der Bilderhauer des  Denkmals für Peter den Großen, kritisiert aus St. Petersburg die ‚Genauigkeit‘ von Zeichnungen nach der Antike: „Ne vous fiez pas toujours à un dessein fait d’après certains ouvrages antiques. Plus le dessein sera fait par un habile Dessinateur, plus ce Dessinateur aura de raison pour vous montrer l’antique en beau, et plus son dessein doit vous être suspect.…J’ai sous les yeux la collection de 2000 empreintes faites par Mr. Lippert .“

Etienne Falconet, Observations sur la statue de Marc-Aurèle, in: Oeuvres d’Etienne Falconet, statuaire, contenant plusieurs écrits relatifs aux beaux-arts, Lausanne 1781, Bd. 1, p. 157 – 348. Das Zitat p. 256 stammt aus der seitenlangen Fußnote ‚ccc‘ (p. 256 – 263). Zitiert in: V. Kockel, La déscription sans l’image tourne à la simple déclamation…, in: G. Bickendorf – E. Decultot – V. Kockel (Hrsg), Musées de Papier (Paris 2010) 39mit Anm. 10.

Noch ein Lippert in Russland: 1770 schenkte ein Anonymus der Moskauer Universität ein Exemplar des Lippert mit 3.758 Abdrücken. Wie diese Zahl zustande kommt ist mir noch nicht  klar: Die drei lateinischen Bände (3004 Abdrücke) mit dem Supplement (1049 Abdrücke) wie in Göttingen können es nicht sein, da die Zahlen nicht überein stimmen und das Suppl. erst 1776 herauskam.