Neuerscheinung

Soeben erschien die Dissertation von Jaanika Anderson, die in Tartu (ehemals Dorpat) verfasst und 2015 verteidigt wurde. Anderson ist die augenblickliche Kuratorin des Kunstmuseums der Universität in Tartu.

Das Werk von Frau Anderson besteht aus zwei Teilen. Im ersten behandelt sie das Phänomen von Gipsabgusssammlungen in Europa und deren Verwendung in der akademischen Lehre überhaupt, im zweiten stellt sie die Bestände der Universität Tartu (Estland) vor, die zwischen 1803 und 1913 gesammelt wurden und analysiert deren Bedeutung für Lehr und Forschung an der russischen Universität.

Vor allem mit dem zweiten Teil stellt sie dabei viel neues Material der Forschung zur Verfügung. Die damals kaiserlich russische, aber weitgehend deutsch geprägte Universität von Dorpat erwarb seit der Gründung ihres Universitätsmuseums 1803 eine größere Anzahl von Abguss- und Abdrucksammlungen antiker Thematik. Karl Simon Morgenstern (1770-1852), ein in Halle promovierter und nach einer Station in Königsberg nach Dorpat gekommener Philologe und Philosoph erwarb als erster Direktor des Museums auch auf vielen Reisen durch Europa eine ganze Reihe unterschiedlicher Daktyliotheken, später auch Abdrucksammlungen von Münzen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. erhöhte sich auch die Zahl von Gipsabgüssen antiker Skulptur, wie sie vor allem in deutschen Unversitäten üblich waren. So blieben ein Lippert (Edition Rabenstein); die Stoschischen Gemmen von Carl Gottlieb Reinhardt sowie die Impronte Gemmarie des Tommaso Cades (6 Bände) in gutem Zustand erhalten. Auch die bekannte, für Schulen gedachte Zusammenstellung von Martin Krause (Berlin) findet sich dort. Am ungewöhnlichsten ist wohl die älteste Sammlung in Tartu/Dorpat, die über 3.000 Schwefelabdrück nach Lippert aber auch nach modernen und antiken Originalen in der Ermitage von St. Petersburg enthält und damit eine ‚lokale‘ Note besitzt. Selten auch ein Exemplar von Wilhelm Tiemanns Abdrücken in Papier (weiterhin Marchand, Pichler u.a.). Um 1830 kamen dann auch Abdrücke von Münzen in die Sammlung: eine Auswahl aus Mionnets Repertoire (erworben 1833) und eine weitere von Stieglitz (erworben 1818).

In einem weiteren Abschnitt wertet Anderson die Lehrberichte der Universität aus, um den Umgang mit den Abgüssen zu dokumentieren. Offenbar wurden die Stücke auch in der akademischen Lehre benutzt – manche aber erscheinen nur wenig benutzt. Die Forschung der verschiedenen Museumsdirektoren scheint sich jedoch kaum der Sammlungen bedient zu haben. Selbst Ludolph Stephani hat seine Arbeiten erst nach seinem vierjährigen Aufenthalt in Dorpat in St. Petersburg verfasst.

Andersons Arbeit erschließt in Englisch ein lange Zeit aus dem Blick geratenen sehr interessanten Befund, in dem in mancher Hinsicht eine Situation beispielhaft konserviert wurde, die eine bestimmte Phase der Aneignung der antiken Kunst in der akademischen Lehre betrifft, am Übergang zu deren immer deutlicheren Institutionalisierung.

Jaanika Anderson, Reception of Ancient Art: the Cast Collections of the University of Tartu Art Museum in the Historical, Ideological and Academic Context of Europe (1803-1918). (Dissertationes studiorum graecorum et latinorum Universitatis Tartuensis, vol. 7, Tartu 2015.

ISSN 1406-8192/ ISBN 78-9949-32-768-3

s. auch: http://www.plastercastcollection.org/de/database.php?d=lire&id=65