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LIPPERT
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Daktyliotheken — Antike aus zweiter Hand

»Die Quelle des guten Geschmacks ist nun geöffnet« Christian Adolf Klotz 1768

Die uneingeschränkte Bewunderung antiker Kunst führte im 18. Jahrhundert zu einem großen Bedarf an Abbildungen ihrer Bildwerke. Gemmen waren besonders beliebt, da sie viele Aspekte der antiken Bilderwelt im handlichen Format überlieferten. Neben Stichen oder Zeichnungen bediente man sich zu ihrer Reproduktion der Abformung in Gips und anderen Materialien. Da die Steine ursprünglich zum Siegeln bestimmt waren, entsprachen Abdrücke auch der Intention des antiken Künstlers.

Daktyliothek bedeutet auf griechisch so viel wie Kasten oder Schatulle für Fingerringe mit Edelsteinen. Schon für die Römer ein Fremdwort, wurde der Begriff in der Neuzeit in gelehrten Schriften vereinzelt für Sammlungen antiker Ringe und Ringsteine (Gemmen) benutzt. Populär wurde er erst durch Philipp Daniel Lipperts Kollektion von Abdrücken antiker Gemmen, der 1755 erschienene Dactyliotheca Universalis. In der gebildeten Welt des 18. Jahrhunderts geläufig, ist das komplizierte Wort heute völlig in Vergessenheit geraten.

Daktyliotheken erlauben es, die Bilderwelt der Antike in den Schubladen kleiner Kästen in einer Bibliothek, einer Kunstakademie oder bei sich zu Hause zu versammeln und zu studieren. Die Bestände aus Augsburg und Göttingen, die von zahlreichen anderen Leihgaben ergänzt werden, bieten einen Einblick in die vielfältigen Formen und Nutzungen dieses einst so beliebten aber heute vergessenen Bildmediums.

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zwei Puti betrachten Gemmen

TECHNIK

Gemmen – gravieren und abformen

[singlepic id=24 w=190 float=left]Seit der Antike wurden Edelsteine durch Glyptik (Steinschnitt) mit Bildmotiven versehen. Die im Bild vertieft gearbeiteten Gemmen (geschnittene Steine) werden Intaglio, die erhaben gearbeiteten Cameo genannt. Sie dienten als Siegel, waren repräsentative Schmuckstücke oder hatten kultische Bedeutung. Die Technik des Steinschnittes hat sich im wesentlichen bis heute nicht geändert.

Kopien der Gemmen

Bereits in der römischen Kaiserzeit ersetzten Kopien aus farbigem Glas die wertvollen Edelsteine. Erst in der Neuzeit und vermehrt seit dem späten 17. Jahrhundert wurden zur Abformung von Gemmen neue Techniken entwickelt, deren Verfahren alle einem ähnlichen Prinzip folgten: Die Steine wurden in ein weicheres Material wie Gips und ›Trippel‹ eingedrückt oder mit flüssigen Substanzen wie heißem Schwefel ausgegossen. Der so entstehende seitenverkehrte Abdruck zeigt das Bild eines Cameo vertieft, das eines Intaglio erhaben. Eine zweite Abformung bildet wieder exakt das Original nach.

In die erste Abformung konnte in einem Zugofen heißes, dickflüssiges Glas eingedrückt werden. Auf diese Weise entstanden die relativ teuren, jedoch haltbaren und den Edelsteinen optisch ähnlichen ›Glaspasten‹.

Verschiedene Gipsmischungen konnten ebenso wie Schwefel mit Farbpigmenten getönt werden. Dank der opaken Beschaffenheit dieser Materialien lassen sich die Bildmotive gut betrachten. Auch mit Siegellack, Wachs und weiteren Stoffen wurden Abdrücke hergestellt, konnten von jedem Reisenden sogar selbst angefertigt werden. Sie besitzen jedoch nur eine begrenzte Haltbarkeit. Heute wird zur Abformung von Gemmen bevorzugt elastisches Silikon eingesetzt, das mit einem chemischen Verfahren erstmals die dreidimensionale Vergrößerung der Objekte ermöglicht.

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1_Chrysopras 2_Sarder 3_Tigerauge 4_Rosenquarz 5_Granat 6_Diverse Achate 7_Gelber Jaspis 8_Bergkristall 9_Roter Jaspis 10_Amethyst 11_Calzedon 12_Karneol 13_Zinnober 14_Siegellack 15_Quarzsand 16_Schwefel 17_Hausenblase 18_Gips

DEHN

Christian Dehn: Rom im 18. Jahrhundert

Schon im 17. Jahrhundert war es unter Antikensammlern üblich gewesen, Abdrücke geschnittener Steine miteinander zu tauschen. Doch erst im frühen 18. Jahrhundert versuchte man vereinzelt, möglichst umfangreiche Sammlungen solcher Kopien anzulegen, zu systematisieren und vergleichend zu studieren. Der berühmteste Gemmenforscher seiner Zeit, der in diplomatischen Diensten stehende Baron Philipp von Stosch (1691 – 1757), hinterließ neben einer Sammlung von Originalen auch etwa 15.000 Abdrücke, die später in den Besitz des englischen Gemmenschneiders James Tassie gelangten.

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Sperrhozkasten mit Schwefelabdrücken Auswahl von Gemmenabdrücken aus der Werkstatt von Christian Dehn

Stoschs Diener, der ebenfalls aus Deutschland stammende Christian Dehn (1700 – 1770) und seine Nachkommen verkauften seit 1738 bis zum Ende des Jahrhunderts in Rom Abdrücke aus einer gelblichen oder rot gefärbten Schwefelmasse. Sie waren für die Schärfe ihre Wiedergabe und Schönheit berühmt, ebenso aber wegen ihres hohen Preises und ihrer Empfindlichkeit berüchtigt. Anders als bei Lipperts Editionen konnte man sich selbst aus einem großen Fundus je nach Geschmack und Geldbeutel eine eigene Auswahl zusammenstellen. Dehns Werkstatt am Corso war deshalb über Jahrzehnte eine wichtige Adresse für jeden Romreisenden. Seine Abdrücke wurden in einfachen Stapelkästchen aus Holz geliefert und der begleitende, zunächst jeweils handschriftlich angefertigte Text beschränkte sich auf kurze Benennungen. Auch ein 1772 von Dehns Schwiegersohn Francesco Dolce verfaßter und systematisch geordneter Begleitband besaß nicht die Qualität von Lipperts Kommentaren, seine Kästen nie das repräsentative Aussehen von Lipperts Folianten.

LIPPERT

Philipp Daniel Lipperts Dactyliotheca universalis

Aus ärmlichen Verhältnissen in Meißen stammend und zum Glaser ausgebildet, arbeitete sich Philipp Daniel Lippert (1702 - 1785) zum Zeichenlehrer am sächsischen Hof empor und wurde schließlich 1764 zum Professor der Antiken an der Dresdener Kunstakademie ernannt. Schon in jungen Jahren faßte er den Plan, eine enzyklopädisch organisierte Abdrucksammlung von Gemmen aller europäischen Kabinette zusammenzustellen. Ein weiter Kreis von Gönnern, zu denen auch Winckelmann und die sächsische Kurfürstin zählten, versorgte ihn mit Abdrücken aus ganz Europa. 1753 gab er erstmals tausend Abdrücke in einem hohen Holzkasten mit zahlreichen Schubladen heraus, dessen Form die Sammlung wie einen Folianten gelehrten Inhalts erscheinen ließ.

Zu Lipperts Erfolg trug aber vor allem sein geheimes Rezept einer Abgußmasse bei, deren besonderer Reiz neben ihrer Haltbarkeit in ihrem Glanz lag. Die 1755 bis 1762 folgende dreibändige Edition mit nun etwa dreitausend Abdrücken erhielt den ebenso gelehrten wie prägnanten lateinischen Titel Dactyliotheca universalis. Zu einer überarbeiteten Neuauflage (Dacktyliothec, 1767, Supplement 1776) verfaßte Lippert selbst einen Kommentar in deutscher Sprache, um die Gemmenbilder auch Künstlern zugänglich zu machen, die der alten Sprachen nicht mächtig waren. Deswegen wurde er als »würdigster Patriot für die Künste« gefeiert. Bei seinem Tod galt Lipperts Dactyliothec in Deutschland wie im Ausland als Referenzwerk für die antike Bilderwelt, auch wenn man bereits seine oft unkritische Zusammenstellung antiker und neuzeitlicher Werke zu kritisieren begann.

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Lippertsche Daktyliothek von 1755 aus dem Archäologischen Institut Göttingen

LEHRE

Daktyliotheken in Augsburg

»Eine Quelle des guten Geschmacks und alles Schönen« Paul von Stetten

Daktyliotheken sollten in den Augen der Zeitgenossen nicht nur dem Studium des Altertums dienen, sondern vor allem auch in der Lehre Verwendung finden. Sie sollten insbesondere den Geschmack für antike Kunst bei angehenden Künstlern schulen und Gymnasiasten das Verständnis antiker Texte erleichtern. Für diese Nutzung ist Augsburg ein gutes Beispiel, denn die drei im 18. Jahrhundert nachgewiesenen Abdrucksammlungen stammen aus Schulen: der städtischen Kunst-akademie, dem Gymnasium bei St. Anna sowie dem zugeordneten Collegium.

In allen drei Fällen geht die Initiative für den Ankauf auf Paul von Stetten d. J. (1731 – 1808) zurück, der als Deputierter der Stadtakademie und Mitglied einer Kommission zur Reform des Gymnasiums bei St. Anna an der Erneuerung des Aus-bildungswesens maßgeblich beteiligt war.

Zu den Grundlagen einer akademischen Ausbildung gehörte das Abzeichnen anerkannter Kunstwerke. In Augsburg wurde offenbar nach 1779 auf Drängen von Stettens für die Städtische Akademie ein solcher Kunstvorrath angeschafft, damit die jungen Künstler nach qualitätvollen Vorbildern zeichnen konnten. Dazu gehörte auch eine Daktyliothek mit Schwefelabdrücken aus den Beständen des Kunsthändlers Rost in Leipzig, die leider nicht erhalten blieb. Für das Gymnasium bei St. Anna erwarb von Stetten selbst einen ›Lippert‹, der hier ausgestellt wird. Sein Gebrauch im Unterricht ist nachgewiesen. Von Stetten veranlaßte auch den Kauf einer Ausgabe von Ernst Klausings bescheidenem Versuch einer mythologischen Dactyliotec für Schulen für das Annakolleg, anhand derer sich die Schüler des Internats mit der griechischen und römischen Götterwelt vertraut machen konnten.

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Gelehrtenschreibtisch mit Gemmenliteratur und Gipsabdrücken

Heyne und Göttingen

Zu den überragenden Figuren in der Geschichte der 1737 gegründeten Reform-Universität Göttingen gehört Christian Gottlob Heyne (1729–1812), Professor der »Poesie und Beredsamkeit«, Direktor der Universitätsbibliothek, Sekretär der Sozietät der Wissenschaften und der Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen. Seit 1767 hielt er regelmäßig eine Vorlesung über das »Studium der Antike«. Darin machte er erstmals die neuartige, stilgeschichtliche Betrachtungsweise Johann Joachim Winckelmanns zum Gegenstand des akademischen Unterrichts und begrün-dete so die Klassische Archäologie als universitäres Lehrfach.

Einen zentralen Platz nahm in Heynes Vorlesung die Behandlung der »geschnittnen Steine« ein. Mit ihnen hatte er sich schon in Dresden als wissenschaftlicher Mitarbeiter Lipperts beschäftigt. Gleich nach seiner Berufung nach Göttingen 1763 ließ Heyne den großen lateinischen ›Lippert‹ für die Universitätsbibliothek anschaffen und bemühte sich sogar – vergeblich – Lippert selbst als Professor nach Göttingen zu holen.

Nicht nur für seine Vorlesungen, sondern auch für seine Veröffentlichungen, besonders seine große Vergil-Edition, machte Heyne von Lipperts Daktyliothek eifrigen Gebrauch.

BIBLIOGRAFIE

Ausgewählte Neuerscheinungen zum Thema Daktyliotheken

Ulf R. Hansson, "Die Quelle des guten Geschmacks ist nun geöffnet". Philipp Daniel Lipperts Dactyliotheca Universalis., in: F. Faegersten – J. Wallensten – I. Österberg (Hrsg.), Tankemönster: Een festskrift till Eva Rysted, Lund 2010, 92-101

Der in schwedischer Sprache verfasste Beitrag gibt eine Übersicht über Daktyliotheken des 18. Jhs., besonders auch in Dänemark und bildet mehrere Beispiele ab, die sich im Dept. of Classics an der University of Texas at Austin befinden. Eine ausführlichere Arbeit dazu wird angekündigt. Der volle Text ist zu finden unter:

http://utexas.academia.edu/UlfRHansson/Papers/347261/_Die_Quelle_des_guten_Geschmacks_ist_nun_geoffnet_Philipp_Daniel_Lipperts_Dactyliotheca_Universalis_1755-1776_in_F._Faegersten_J._Wallensten_and_I._Ostenberg_eds._Tankemonster_En_festskrift_till_Eva_Rystedt_Lund_2010_92-101

  • Daniel Graepler, A Dactyliotheca by James Tassie and Other Collections of Gem Impressions at the University of Göttingen, in: Frederiksen, Rune - Eckart Marchand (eds.), Plaster Casts. Making Collecting and Displaying from Classical Antiquity to the Present , Berlin-New York 2010, 435-450 und 712-715
  • Wagner, Claudia – Gertrud Seidmann, A Munificent Gift: cast collections of gem impressions from the Sir Henry Wellcome Trust, in: Frederiksen – Marchand, 451-461 und 716-717
  • Erika Zwierlein-Diehl, Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin und New York 2007 Sehr umfangreiches (und leider sehr teures) 'Standardwerk' einer großen Kennerin zu antiken Gemmen insgesamt. Wie schon der Titel sagt, spielt darin das 'Nachleben' der Gemmen (z.B. ihre Wiederverwendung in der mittelalterlichen Sakralkunst) eine große Rolle - und natürlich die Daktyliotheken, ihre Herstellung etc., wozu die Verfasserin schon vorher an verschiedenen Stellen wichtige Beiträge geleistet hatte.
  • Helge C. Knüppel, Daktyliotheken. Konzepte einer historischen Publikationsform. (= Stendaler Winckelmann-Forschungen 8) Ruhpolding und Mainz 2009, 191 S. 44 S-W-Abbildungen, 8 Farbtafeln Publikation der Hamburger Dissertation von H.C. Knüppel. Die Autorin hatte ihre zentralen Thesen unter dem gleichen Titel bereits in einem langen Beitrag in den Katalog 'Daktyliotheken. Götter & Caesaren aus der Schublade' einbringen können (S. 17-38). Umso erstaunlicher, dass andere Beiträge dieses Katalogs auch mehr als drei Jahre später keinen Eingang mehr in ihre Überlegungen gefunden haben. Manches war daher schon bei Erscheinen überholt - so z.B. die Behandlung des Schränkchens von Tassie in Göttingen.
  • Rezension: Carina Weiß, Mitteilungen der Winckelmanngesellschaft 72, 2009, 29-33.
  • Gisela Bungarten; Jochen Luckhardt (Hrsg.), Reiz der Antike. Die Braunschweiger Herzöge und die Schonheiten des Altertums im 18. Jahrhundert. Katalog der Ausstellung im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig 2008 In diesem Katalog behandelt Peter Seiler (S. 182-216) die Braunschweiger Gemmen und Daktyliotheken. Darunter befindet sich ein vierbändiger Lippert (latein. Edition mit deutschem Supplementband); eine einzigartige, ähnlich gestaltete Dactylitoheca Musei Brunsvicensis von Johann Heinrich Haeberlin sowie ein Satz Abdrücke - der zweite bisher bekannte - von Johann Samuel Götzinger (Ansbach, 1734-1791) aus dem Jahr 1777.
Zur Sammlerin Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797-1857), deren Gemmenkollektion wohl postum auch mittels einer Daktyliothek (s. Daktyliotheken S. 102-106, sowie S. 194-196, Kat. Nr. 21) zur Versteigerung angeboten wurde, sind gleich mehrere Abhandlungen unterschiedlichen Gewichts erschienen.
  • Stefanie Oehmke, Die "Rheingräfin" in Neuss, in: Novaesium 2006 (2007), S. 189-199.
  • Ingrid Bodsch (Hrsg.), Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Zum 150. Todestag der "Rheingräfin". Katalog der Ausstellung im Stadtmuseum Bonn, 2007. Einleitung und Text von Angela Steidele.
  • Angela Steidele, Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens (Berlin und Frankfurt: Insel, 2010, 330 S., gebunden, mit Schutzumschlag und zahlreichen Abbildungen, 24,80 €, ISBN 978-3-458-17454-7) Das Buch versteht sich als eine parallele Biographie von Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Im Zentrum dieser ersten fundierten Lebensbeschreibung steht das komplizierte Liebesverhältnis der beiden Frauen und ihre Beziehungen zu Anette von Droste-Hülshoff sowie Ottilie von Goethe. Die Sammeltätigkeit der reichen Rheinländerin spielt nur eine nachgeordnete Rolle. Ihrer wissenschaftlichen Publikationen sowie dem entsprechenden Bekanntenkreis vor allem in Rom wird jedoch wiederholt gedacht.